"Eine
Lesbe ist eine Lesbe ist eine Lesbe..."
Lesbenfrühlingstreffen 2002, Hannover
(© blaue käfer)
Herzlich willkommen zu unserer heutigen Veranstaltung “Eine
Lesbe ist eine Lesbe ist eine Lesbe ist eine Lesbe...”.
Bevor ich euch einen kleinen Überblick darüber
geben werde, was wir in den nächsten zwei Stunden vorhaben und wer
wir im einzelnen sind, möchte ich die Gelegenheit nutzen, euch zu
sagen, daß wir uns sehr darüber freuen, heute hier sein und
diese Veranstaltung anbieten zu können. Auch wenn das aus unserer
Sicht eigentlich dem entspricht, was wir uns wünschen und worum wir
kämpfen, ist uns bewußt, daß die Zulassung einer solchen
Begegnung für das LFT eine Herausforderung war und ist. Wir freuen
uns aufrichtig darüber, daß auf diese Weise die Eröffnung
eines Dialogs ermöglicht wurde, den wir für überfällig
halten, auf den wir sehr gespannt sind und von dem wir uns viel versprechen.
Damit wären wir schon der Frage danach, worum es hier
heute gehen soll.
Wir VeranstalterInnen dieses workshops stehen heute hier
vor dem Hintergrund lesbischer Biographien und lesbischen Begehrens. Wir
haben jahrelang innerhalb unterschiedlicher Lesbenszenen und der Lesbenbewegungen
in Deutschland gearbeitet, gekämpft und gelebt. Und wir alle haben
auch - teilweise recht heftige - Ausgrenzungserfahrungen an diesen Orten
gemacht. Diese ergaben sich in der Regel aus der Unfähigkeit, uns
an die jeweils herrschende Norm innerhalb dieser Bewegungen anzupassen
- sei es durch ein als zu maskulin wahrgenommenes Äußeres,
sei es durch ein als zu feminin wahrgenommenes Äußeres oder
aber durch unzugängliche, nichtberollbare Räume und blödes
Glotzen. Auf diesem Hintergrund, entstanden drei Ziele, die wir mit der
heutigen Veranstaltung verfolgen:
1. ... verstehen wir uns nach wie vor als integraler Bestandteil
des Kontinuums lesbischen Begehrens und lesbischer Lebensfacetten und
suchen daher - wie schon immer - den Dialog mit anderen Lesben.
2. ... wünschen wir uns als langfristige Konsequenz aus diesem Dialog
einerseits einen Abbau an Ausgrenzungsstrukturen und –erfahrungen
innerhalb der Lesbenszenen und damit einhergehend andererseits einen Abbau
an Isolation von Menschen, die im Jenseits der Geschlechternormen leben.
3. ... wissen wir, daß am LFT viele Lesben teilnehmen, die ähnliche
Geschichten und Erfahrungen teilen wie wir. Mit ihnen wollen wir auch
und ganz besonders ins Gespräch kommen.
Zusammenfassend ließe sich demnach sagen, daß
es uns um die Eröffnung eines Dialogs innerhalb einer Bewegung geht,
der wir uns angehörig fühlen, in der wir aber häufig und
auf vielfältige Weise an den Rand gedrängt wurden.
Es geht uns also nicht um die Sprengung der Grenzen lesbischer
Organisierung, sondern um ein Gespräch darüber, an welchen Stellen
es möglicherweise sinnvoll und bereichernd wäre, diese Grenzen
zu hinterfragen und langfristig eventuell zu modifizieren. Dabei sind
wir uns darüber im Klaren, daß die heute existierenden Grenzen
ursprünglich als Schutz gegen unterschiedliche Formen gewalttätiger
Strukturen errichtet worden sind und in dieser Tradition stehen. Wir unterstützen
jeden Widerstand gegen Gewalt und gewalttätige Strukturen. Gleichzeitig
geben wir zu bedenken, daß zum Schutz gezogene Grenzen, wenn sie
verhärten und zu neuen, nicht mehr befragbaren Normen werden, selbst
ein nicht zu verachtendes Potential an Gewalttätigkeit entwickeln
können und zwar eines, das sich dann nach innen richtet. Damit aber
entstehen neue Ausgegrenzte einerseits und eine Atmosphäre der Kontrolle
und rechtfertigenden Identitätspolitik andererseits. Spätestens
an diesem Punkt wird dann deutlich, daß Strukturen, die ein- und
ausgrenzen, immer für alle Beteiligten, also auch für die Eingegrenzten,
behindernd und einschränkend wirken. Anders ausgedrückt glauben
wir daran, daß der Abbau von Ausgrenzungsstrukturen mit einer Bereicherung
aller Beteiligten verbunden ist. Wir sind der Überzeugung, daß
der erste und vielleicht wichtigste Schritt in diese Richtung eine offene
und respektvolle Kommunikation ist.
Leslie Feinberg, die Autorin und der Autor des Klassikers
“Träume in den erwachenden Morgen”, sagt, daß es
nicht darauf ankommt, daß wir, Transpersonen, ihre Angehörige
und Freunde, erklären warum wir sind wer wir sind, sondern, daß
es entscheidend ist, darüber zu sprechen, daß wir sind, wer
wir sind und wie wir sind. Darüber mit euch ins Gespräch zu
kommen, ist - wie bereits gesagt – eines der Ziele dieses workshops.
Intime und bloßstellende Fragen nach “Geschlechtsteilen”,
Operationen etc. werden wir allerdings nicht beantworten, da sie inhaltlich
nichts zur Sache tun. Wir bitten alle, die am workshop teilnehmen wollen,
sich an diese Maxime zu halten. Wenn einer von euch dies nicht möglich
scheint, fordern wir sie auf, nicht teilzunehmen.
Nun zum Ablauf der Veranstaltung:
Zu Beginn werden wir als „literarische Einstieg“,
Textpassagen aus Romanen und Kurzgeschichten vorlesen. Im Anschluß
wird es eine kurze theoretische Hinführung zum Thema Transidentität/Transsexualität/transgender
zu geben. Wir bitten euch, euch nicht zu scheuen nachzufragen, wenn etwas
nicht verständlich formuliert ist. Nach dem Kurzreferat machen wir
eine Pause von fünf Minuten. Sie ist dafür gedacht, einerseits
das Gehörte sacken zu lassen und soll andererseits für die,
die die Diskussion nicht interessiert, eine Möglichkeit bieten zu
gehen. Nach der Pause haben wir dann eine Stunde Zeit für ein gemeinsames
Gespräch.
Und falls einzelne es wünschen, stehen wir im Anschluß
noch für Gespräche im kleineren Kreis zur Verfügung.
Literarisches zum Thema transgender
Ich wollte nicht anders sein. Ich sehnte mich danach, so
zu sein, wie die Erwachsenen mich haben wollten, damit sie mich liebten.
Ich befolgte ihre Regeln und gab mir alle Mühe, ihnen zu gefallen.
Aber etwas an mir brachte sie dazu, die Augenbrauen hochzuziehen und die
Stirn zu runzeln. Niemand hat sich je dazu herabgelassen, dem, was mit
mir los war, einen Namen zu geben. Deshalb hatte ich auch solche Angst,
daß es etwas wirklich Schlimmes war. Erst später erkannte ich
die Melodie an dem ständigen Refrain: “Ist das ein Junge oder
ein Mädchen?”.
(Feinberg (1996) S. xxx)
Eines Morgens im April schien auf einmal alles verändert.
Beim Morgengrauen zwitscherten die Vögel laut vor meinem Fenster.
Ich wälzte mich faul im Bett herum. Die Laken waren kühl, die
Luft roch süß.
Ich griff nach einer Zigarette, aber dann ekelte mich der
Gedanke an. Ich beschloß, statt dessen lange zu duschen. als ich
mir die Zähne putzte, warf ich einen Blick in den Spiegel und mußte
gleich noch einmal hinsehen. Auf meinen Wangen wuchsen rauhe Bartstoppeln.
Mein Gesicht sah schmaler und kantiger aus. Ich zog das T-Shirt und die
Unterhose aus. Mein Körper war mager und hart. Meine Hüften
waren weggeschmolzen. An meinen Armen und Oberschenkeln entdeckte ich
doch tatsächlich Muskeln, von denen ich gar nichts gewußt hatte.
Regten die Hormone die Muskelbildung an, oder machten sie sie nur sichtbar?
Das hier war fast der Körper, den ich erwartet hatte, bevor mich
die Pubertät durcheinandergebracht hatte. Fast.
Ich dachte an die Mädchen in der Schule, die gestöhnt
hatten, weil ihre Brüste so klein waren. Ich hatte sie um ihre Flachbrüstigkeit
beneidet. Die war jetzt in Reichweite gelangt. Den Winter über hatte
ich für die Brustverkleinerung sechzehnhundert Dollar gespart. Ich
duschte heiß und mit viel Seife und genoß das Gefühl
meiner Haut unter meinen Händen. Es war so lange her, daß ich
mich in meinem Körper zu Hause gefühlt hatte. Das würde
sich jetzt bald ändern.
(Feinberg (1996) S. xxx)
Du sitzt bei der Frauenärztin im Wartezimmer. Dir
gegenüber nimmt eine junge Frau mit ihrer etwa fünfjährigen
Tochter Platz Das Kind betrachtet dich neugierig, forschend, mehrere Minuten
lang. Dann sagt sie zu ihrer Mutter: “Mama, das ist ja eine Frau,
aber die hat ja einen Bart, aber sie ist ja eine Frau. Wie geht das denn?”
Ihre Mutter wird blaß, fummelt nervös ein Bilderbuch hervor
und zischelt ihr zu, sie solle “So was” nicht so laut sagen.
(Mitzenheim o.J.)
Emily sagte: “Du bist doch so groß wie ein
Bursche, nicht?” Biff schluckte. “Und du hast große
Hände und Füße.” Emily redete eilig weiter, bevor
Biff sich zu sehr aufregen konnte. “Versteh mich nicht falsch, ich
finde, du bist schön und in allem eine Frau, du weißt schon,
was ich meine, aber es gibt eine Möglichkeit für dich, die eine
kleinere Frau nicht hätte. Was wir dachten, ist – es wäre
so leicht, Hosen und Schuhe zu besorgen, die Mädchen würden
alle ihre Brüder fragen; Aggies Schwester, sie ist Friseuse, sie
würde dir die Haare abscheiden, und du könntest so tun, als
wärst du ein Bursche.”
“Hör auf! Ich als Junge? Nie im Leben wollte
ich ein Junge sein. Obwohl, Jungenschuhe mag ich schon ...” überlegte
Biff.
“Naja, es war immer ein Problem, Mädchenschuhe für dich
zu bekommen, nicht? Und die anderen sagen, du trägst doch sowieso
schon Knickerbocker zum Radfahren.”
Biff zitterte, als sie ihr Kinn auf die Knie legte und
ins Feuer schaute, Es flammte und zischte. Wie die Zungen feuerspeiender
Drachen, dachte Biff, als kleine blaue Flammen an der Kante eines Kohlebrockens
entlangzüngelten. Mich zu verkleiden ist eine Sache, dachte sie,
aber was fange ich anschließend an? Das Feuer knisterte, und sie
wußte die Antwort. Es war ein einsames Wissen.
(March (1991) S. xxx)
Ich habe die Entscheidung, Hormone zu nehmen, nicht bereut.
Ohne sie, ohne als Mann durchzugehen, hätte ich nicht viel länger
überleben können. Und die Operation war ein Geschenk für
mich, eine Heimkehr in meinen Körper. Aber ich wollte mehr, als bloß
existieren, wollte mehr als eine Fremde sein, die es ständig vermeidet,
sich auf etwas einzulassen. Ich wollte herausfinden, wer ich war, mich
definieren. Wer ich auch war, ich wollte mich damit auseinandersetzen,
ich wollte es wieder leben. Ich wollte imstande sein, mein Leben zu begreifen,
mir die Welt aus meiner Sicht zu erklären.
(Feinberg (1996) S. XXX)
Ich wußte, daß ich mich veränderte, als
die Leute wieder anfingen, mich anzugaffen. Es hatte ein Jahr gedauert.
Meine Hüften ließen die Männerhosen aus den Nähten
platzen. Mein Bart wurde von der Epilation dünn und fein. Mein Gesicht
sah weicher aus. Meine Stimme blieb allerdings tief. Und meine Brust war
immer noch flach. Mein Körper zeigte gemischte Geschlechtsmerkmale,
und das fiel nicht nur mir auf.
Ich wurde wieder daran erinnert, wie es war, Spießruten
zu laufen – durch Fremde, die mich anstarrten – wütend,
verwirrt, fasziniert. Frau oder Mann? Sie sind empört, weil ich sie
durcheinanderbringe. Die Strafe folgt auf dem Fuße. Die einzige
Anerkennung, die ich in ihren Blicken finde, ist die Anerkennung meines
“Andersseins”. Ich bin anders. Ich werde immer anders sein.
Ich werde mich nie am Gleichsein laben können.
“Woher soll ich wissen, was das ist?” bemerkte
der Mann hinter der Theke gegenüber einem Kunden, als ich wegging.
Das Pronomen klang in meinen Ohren nach. Jetzt war ich wieder ein Es.
Früher waren die Leute wütend auf mich gewesen,
weil ich als Frau eine verbotene Grenze überschritten hatte. Jetzt
wußten sie nicht mehr, welches Geschlecht ich hatte, und das empfanden
sie als unbegreiflich und zutiefst beängstigend. Frau oder Mann –
das Fundament zerbröckelte unter ihren Füßen, wenn ich
vorbeiging. Woher soll ich wissen, was das ist? Ich hatte vergessen, wie
schwer das zu ertragen war. Aber ich wußte, daß ich in eine
neue Phase meines Lebens eintauchte. Furcht und Erregung nagten an mir.
(Feinberg (1996) S. XXX)
Aber wer war ich jetzt – Frau oder Mann? Ich hatte
lange und hart gekämpft, um als Frau zu den Frauen gerechnet zu werden,
aber ich fühlte mich durch mein Anderssein immer ausgeschlossen.
Ich hatte nicht nur geglaubt, daß ich mich hinter dem männlichen
Äußeren verstecken konnte. Ich hatte gehofft, daß es
mir den Ausdruck jenes Teils von mir gestatten würde, der nicht Frau
zu sein schien. Ich konnte jedoch das Frau-und-Mann-Sein nicht erproben.
Ich wurde einfach ein Er, ein Mann ohne Vergangenheit.
Wer war ich jetzt – Frau oder Mann? Diese Frage würde
nie beantwortet werden, solange dies die beiden einzigen Möglichkeiten
blieben; sie würde nie beantwortet werden, solange sie gestellt werden
mußte.
(Feinberg (1996) S. XXX)
Gedanken über die lesbische Lust am Jenseits der Geschlechter
(© blaue käfer)
Die Überlegungen dieses Vortrags sind (wo nicht anders
angegeben) aus Texten von Stefan Hirschauer, Gesa Lindemann und David
Mitzenheim zusammengestellt.
“Alle Menschen sind in zwei Geschlechter unterschieden.
Wir sind, ob wir wollen oder nicht, und was wir tun oder lassen, Zeit
unseres Lebens entweder Frauen oder Männer. Dies ist eine in der
Natur begründete Tatsache. So oder so ähnlich läßt
sich ein Bereich unseres Alltagswissens umschreiben, der, von biologischen
Theorien bestärkt, zu den selbstverständlichen Grundüberzeugungen
unserer Kultur(en) gehört.”
Dieser Hinweis über eine weitverbreitete und selten bewußt
werdende gesellschaftliche Annahme findet sich in einem Buch von Stefan
Hirschauer. Mit den im folgenden zusammengetragenen Überlegungen
beabsichtigen wir, diese “selbstverständliche Grundüberzeugung”
auf ihre Stichhaltigkeit hin zu befragen. Gleichzeitig ist es uns ein
Anliegen aufzuzeigen, welche Vielfalt unter dieser verordneten Dualität
der Geschlechter verborgen ist und schließlich möchten wir
darauf aufmerksam machen, daß das in ihr formulierte Weiblichkeits-Männlichkeits-Konzept
alle einschränkt, die unter seinem Geltungsanspruch leben, d. h.
daß es uns alle und nicht nur einige von uns in einem erheblichen
Ausmaß in unseren individuellen Realitäten und Ausdrucksformen
beschneidet.
Wir alle sind Frauen oder Männer indem wir den Eindruck
erwecken wir seien Frauen oder Männer. Diesen Eindruck erwecken wir,
indem wir unser Verhalten an einen männlichen oder weiblichen Geschlechtscharakter
anpassen. Ein Geschlechtscharakter ist die Art und Weise, in welcher die
gesellschaftliche Idee dessen, was mit einem Geschlecht verbunden ist,
ausgedrückt oder inszeniert wird. Die Fähigkeit uns an diesen
Geschlechtscharakter anzupassen, also die Kompetenz der Darstellung eines
Geschlechtscharakters, erwerben wir über einen langen Zeitraum ab
frühester Kindheit und zwar ganz ähnlich wie wir die Fähigkeit
erwerben, uns in unserer Muttersprache zu verständigen.
Da sie also erlernt werden muß, stellt sich die Frage,
woher diese Idee von der Existenz von Männern und Frauen eigentlich
kommt und inwiefern diese angenommene Zweigeschlechtlichkeit gesellschaftlich
produziert und eventuell doch nicht - wie wir es gelernt haben - “natürlich”
ist.
Dazu stellen wir hier zwei mögliche Denkrichtungen
vor:
Einerseits können wir die biologische Geschlechterunterscheidung
als eine naturgegebene Voraussetzung auffassen, zu der sich Gesellschaften
in je verschiedener Weise verhalten. Und zwar indem sie z.B. das Wesen
von Männern und Frauen definieren, indem sie die Machtverhältnisse
zwischen diesen Männern und Frauen asymmetrisch gestalten oder indem
sie diese zwei vorgegebenen Geschlechter durch kulturell definierte Geschlechter
ergänzen.
Wir könnten aber, andererseits, noch einen Schritt
weiter zurück gehen und diese Geschlechterunterscheidung selbst als
ein soziales, also gesellschaftlich produziertes Phänomen begreifen.
Anders ausgedrückt wäre es möglich zu sagen, daß
die Unterscheidung zweier Geschlechter bereits ein Definitionsakt der
Gesellschaft ist, denn rein theoretisch wäre es ja durchaus denkbar
in einem Sozialverbund zu leben, der entweder eine indefinite, also unbegrenzte
Anzahl an Geschlechtern kennt oder aber alle Menschen als ein Geschlecht
wahrnimmt, als Menschen eben. In diesem Sinne müßte dann auch
die Unterschiedlichkeit der Körper, also das sogenannte biologische
Fundament der Zweigeschlechtlichkeit, als das Resultat einer gesellschaftlichen
Praxis gedeutet werden. Diese gesellschaftliche Praxis aber wäre
dann optional. Das bedeutet, sie könnte beliebig anders aussehen
und erschiene als das, was sie ist, nämlich als die Folge einer gesellschaftlichen
Entscheidung, und nicht als die Folge einer biologisch feststehenden Naturhaftigkeit,
eines biologischen Determinismus.
Das klingt zunächst zwar etwas gewagt, erweist sich
bei genauerem Hinsehen aber als Konsequenz einer Einsicht, die so schlicht
ist, das sie meist übersehen wird; denn Körper sind nicht einfach
da. Um in der Gesellschaft eine Bedeutung zu haben, müssen sie sowohl
wahrgenommen als auch dargestellt werden. In alltäglichen Begegnungen
nämlich können wir die als entscheidend geltenden Körperpartien
nicht in Augenschein nehmen, sondern lediglich Personen, die uns als Frau
oder Mann erscheinen und sich uns als Frau oder Mann präsentieren.
Die von Geburt an als geschlechtsspezifisch geltenden Körperformen
erweisen sich dabei in mehrfacher Hinsicht als kulturell definiert.
Denn Genitalien, die einer Person unterstellt werden, weil
sie in ihrem Verhalten einen Geschlechtscharakter überzeugend verkörpert,
diese Genitalien sind das Resultat einer Darstellungsleistung, also einer
kulturellen und auf die Kultur bezogenen Tat.
Gleichzeitig sind Genitalien Aufhänger für die
Normierung unseres Verhaltens, denn gesellschaftlich gesehen verpflichten
sie uns zu einer bestimmten Geschlechtsdarstellung, sie schwören
uns sozusagen auf einen bestimmten Geschlechtscharakter ein.
Die Bezugnahme auf sogenannte natürliche Unterschiede
ist also vor allem eine Bezugnahme auf eine soziale Unterscheidungspraxis.
Diese geht einher mit gewissen gesellschaftlichen Techniken, Rechten und
Pflichten. So erhält bspw. ein Wesen, das als Frau definiert wird
den identifikatorischen Zugang zu allen Bildern und Weiblichkeitsvorlagen
für Frauen - gleichzeitig allerdings mit einer Zugangsrestriktion
zu allen Männlichkeitsvorlagen. Das gleiche gilt natürlich umgekehrt.
Außerdem geht mit dieser Unterscheidungspraxis der Anspruch auf
einen Geschlechtstitel einher. Werde ich als Frau definiert, so habe ich
auch einen Anspruch darauf, als Frau angesprochen und behandelt zu werden,
ebenso wie ich jenen verliere, anders als eine Frau behandelt zu werden.
Ein bestimmter Körper rechtfertigt es also, einen bestimmten Geschlechtstitel
(wie “er” oder “sie”) zu tragen. Dieser Geschlechtstitel
wiederum berechtigt, den dazugehörigen Körper als eigen und
richtig zu beanspruchen. Er verpflichtet auch bestimmte körperliche
Funktionen zu erfüllen oder aber, falls das nicht möglich ist,
sich als krank und defizitär, also als ungenügend zu begreifen.
Gehört es also einerseits zu den fundamentalen Rechten
einer “Frau”, diesen Titel zu tragen und als solche angesehen
zu werden, so liegt es andererseits in ihrer ebenso fundamentalen Verantwortung,
sich als solche, nämlich als “Frau”, zu erkennen zu geben
– dies allerdings nur, wenn sie die genitale “Legitimation”
dafür besitzt. In diesem Sinne ließe sich formulieren, daß
es in unserer Gesellschaft Individuen massiv zugemutet wird, ihr objektiviertes
Geschlecht subjektiv zu sein.
Diese Form der Konstruktion der sozialen und biologischen
Kategorie Geschlecht erfolgt also im Alltag über mehr oder weniger
feststehende Bilder von Geschlechtern. Die Bilder folgen den gesellschaftlich
vorherrschenden, verbreiteten Normen. Diese Normen und die ihnen entsprechenden
Bilder wiederum sind auch in Minderheitengruppierungen wie etwa „der“
Schwulen- oder der Lesben-, aber auch der sogenannten Transenszene weit
verbreitet und wenig hinterfragt. Dabei werden jeweils unterschiedliche
Normen als die “guten” gesetzt. Jene, die den jeweils gesetzten
Normen nicht gerecht werden, werden von der entsprechenden Szene mit unterschiedlichen
Graden von Sanktionen belegt. Statt an der jeweiligen Person und ihrem
konkreten Verhalten und Handeln, erfolgt die Orientierung an Bildern,
Normen, Kategorien, vermeintlichen Gruppenzugehörigkeiten und Geschlechtsunterstellungen.
Auf dem Hintergrund des bis hierher Gesagten erscheinen
Transsexuelle als Prototypen der Geschlechtsmigration. Wobei die medizinische
Konstruktion der Transsexualität - im Gegensatz zur Transe selbst
- als Bestandteil der zeitgenössischen Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit
erscheint, da sie – medizinisch, aber eben auch gesellschaftlich
gedacht – auf die Vereindeutigung des empfundenen Geschlechts, des
zugewiesenen Geschlechtscharakters und des Körpers zielt. Überspitzt
ließe sich formulieren, daß die Medizin die möglichst
perfekte äußerliche Assimilation an einen Geschlechtscharakter
zum Ziel hat (das gilt übrigens auch für sonstige z. B. Schönheitsoperationen).
Anders ausgedrückt ließe sich sagen, daß die Medizin
– ganz im Sinne einer auf Zweigeschlechtlichkeit und Dualität
basierenden Gesellschaft - nicht daran interessiert ist, das Jenseits
der Geschlechter sichtbar zu machen, sondern es im Gegenteil zu nihilieren
und zu entsorgen. Ebenso wie die Biologie, greift die Medizin dabei kulturell
etabliertes Alltagswissen von Zweigeschlechtlichkeit auf, denn, wie bereits
gesagt, müssen zur Feststellung von “Geschlechtsunterschieden”
und (biologischen) “Geschlechtsmerkmalen” gedanklich immer
bereits “Geschlechter” unterschieden sein.
Die Aufgabe eines derart normierenden Blickes ermöglicht
uns allen die Wahr-Nehmung der Vielschichtigkeiten unserer Realitäten.
Sie ermöglicht die Sichtbarmachung von Menschen, die den Mut aufbringen,
im Jenseits der zugelassenen Identitäten, Orte zu erschaffen, die
ausdrücken, wer sie sind. Die Aufgabe biologistischer Maximen wie
jener, die besagt, daß welche einen Uterus besitzt sich weiblich
fühlt oder jener anderen, die besagt, daß welche einen Uterus
besitzt und sich nicht weiblich fühlt, krank ist, ermöglicht
es uns allen, genau nachzuspüren, welche wir sind, wie wir sind und
daß wir sind, welche wir sind.
In diesem Sinne ist die Frage nach Transidentität
oder transgender eine Form der Auseinandersetzung mit patriarchalen Zurichtungen
von Menschen zu Frauen und Männern einerseits und zur Heterosexualität
im Sinne einer bestimmten Machtverteilung und der Aufrechterhaltung von
bestimmten Machtverhältnissen andererseits. Das Ausweichen vor der
Frage nach Transidentitäten gerät damit ebenso wie ihre Ausgrenzung
zu einer Art Technik der Komplizenschaft mit einem patriarchalen System,
das Abweichendes sanktioniert, um seine Machtverhältnisse zu stabilisieren.
Die Frage nach dem Jenseits der Geschlechter zu denken,
zu formulieren und auszusprechen aber, liest sich als ein Bestehen auf
Realitäten, die aller Kontrolle, Normierung, Sanktionierung und Ausgrenzung
zum Trotz nun einmal existieren. Sie zu stellen liest sich als Akt der
Treue zu und des Glaubens an sich selbst - auch und gerade dann und dort,
wo frau/mann/mensch nicht vorgesehen ist.
Das Lesbenfrühlingstreffen ist ein Ort, an dem Lesben
genau das tun: Sie Bestehen auf der Realität ihrer Existenz jenseits
von Kontrolle, Normierung, Sanktionierung und Ausgrenzung aus der Gesellschaft.
Sie feiern sich selbst und ihren Mut, inspirieren sich gegenseitig und
fordern ihr Anrecht auf Teilhabe an der Gesellschaft ein. Die Frage nach
dem Jenseits der Geschlechter, nach dem Jenseits des Vorhergesehenen und
Erlaubten, nach der Erweiterung dessen, was wir alles sein dürfen
und sind, nach der Treue zu uns selbst also, erscheint uns daher an diesem
Ort nicht nur angebracht sondern heimisch zu sein.
Zur Klärung einiger wichtiger Begriffe
Für ein besseres Verständnis sollen hier einige
wichtige Begriffe in „der“ transgender- Debatte kurz erläutert
werden. Selbstverständlich sind die gelieferten Definitionen nur
Verkürzungen gelebter Realitäten, sie erheben keinen Anspruch
auf Vollständigkeit, sie sind lediglich „Richtwerte“,
Überschneidungen gibt es natürlich, Ausnahmen bestätigen
auch hier die Regeln.
intersexuell Als intersexuell bezeichnen sich
Personen, deren Körper sowohl weibiche als auch männliche Geschlechtsmerkmale
aufweisen. Der klassische Hermaphrodit, dessen primäre Geschlechtsorgane
männlich und weiblich sind, gehört ebenso in diese Kategorie,
wie viele individuelle Ausprägungen von Intersexualität.
transgender
Als transgender bezeichnen sich Personen, die das ihnen
von Geburt an zugeordnete soziale Geschlecht überschreiten und ihre
sehr persönliche “Geschlechtermischung” jenseits der
binären Geschlechterordnung leben.
transsexuell
Als transsexuell bezeichnen sich Personen, die ihren Körper
als gegengeschlechtlich zu ihrer Geschlechtsidentität empfinden.
Dies wird häufig mit dem Satz “ich bin im falschen Körper
geboren” beschrieben. Da dies als leidvoll erlebt wird, werden körperliche
Veränderungen vorgenommen (Operationen und Hormoneinnahmen), die
den Körper an die als eindeutig weiblich oder männlich gefühlte
Geschlechtsidentität angleichen und “den Fehler der Natur”
korrigieren soll.
drag king
Als drag king bezeichnen sich lesbische oder heterosexuelle
Frauen, die auf der Bühne Männer darstellen. Die Geschlechtsidentität
der Darstellerinnen ist vom Spiel mit den Geschlechtsrollen unberührt,
sie definieren sich als weiblich.
drag queen
Als drag queen bezeichnen sich -meist- schwule Männer,
die ihr Verständnis von Weiblichkeit darstellen. Die drag queen ist
also einen Performance, eine Bühnenexistenz, die besonders in “der”
schwulen Szene zu finden ist. Die Geschlechtsidentität des Darstellers
ist vom Spiel mit den Geschlechterrollen unberührt, sie ist männlich.
Transvestit
Als Transvestit bezeichnen sich- meist- heterosexuelle
Männer, die gelegentlich weibliche Kleidung anziehen und so einen
Teil ihrer Persönlichkeit/ Weiblichkeit ausleben. Ihre Geschlechtsidentität
ist dennoch nicht uneindeutig; mit der weiblichen Kleidung ziehen die
Rolle “Frau” aus und leben ihren Alltag als Mann.
Literaturliste
Romane und Biographien
Colapinto, John (2000): Der Junge, der als Mädchen
aufwuchs. Düsseldorf & Zürich
Feinberg, Leslie (1996): Träume in den erwachenden Morgen. Berlin
Lasker-Schüler, Else (1986/1919): Der Malik. München
March, Caeia (1991): Lust auf ein Morgen. Berlin
Mitzenheim, David (o.J..): unveröffentlichte Manuskripte; Kontakt
über blaue käfer:
blauekaefer@gmx.net
Wood Middlebrook, Diane (1999): Er war eine Frau. Das Doppelleben des
Jazzmusikers Billy Tipton. München
Sachbücher
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main
Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Frankfurt am Main
Feinberg, Leslie (1998): Trans Liberation. Beyond Pink or Blue. Boston
Halberstam, Judith (1998): Female Masculinity. Durham and London
Hirschauer, Stefan (1993): Die soziale Konstruktion der Transsexualität.
Über die Medizin und den Geschlechtswechsel. Frankfurt am Main
Jagose, Annamarie (2001): Queer Theory. Eine Einführung.Berlin
Laqueur, Thomas (1996): Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der
Geschlechter von der Antike bis Freud. München
Lindemann, Gesa (1993): Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität
im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl. Frankfurt am Main
(vergriffen)
Sigusch, Volkmar (1995): Geschlechtswechsel. Hamburg
Fotobände
Cameron, Loren (1996): Body Alchemy. Transsexual Portraits. San Francisco
LaGrace Volcano, Del / Halberstam, Judith (1997): The Drag King Book.
San Francisco
LaGrace Volcano, Del (2000): Sublime Mutations. Tübingen
Eine ausführliche Bibliographie zum Thema Transidentität/Transsexualität
ist erhältlich über:
Prinz Eisenherz – Buchhandlung
Bleibtreustr. 52/10623 Berlin
fon: 030 - 313 99 36
email: prinz-eisenherz@t-online.berlin |